Archiv für Mai 2007

Die Lumpenfreiheit

 An der Universität kriegt man Einiges zu sehen. Vor allem Studenten, die weiblichen inbegriffen. Die Welt des Studenten ist eine sonderbare, eine aus der Jugend herauswachsende und eine der Berufswelt in einer langsamen Neigung sich zustreckend. Es ist, vielleicht etwas drastisch formuliert, die Phase des Menschen, in der er mit Sicherheit noch nicht im Begriff ist zu sterben. Insofern ist es eine letzte Probe von Selbstständigkeit und Pflichterfüllung, die um der nicht ernst zu nehmen gewollten und gemeinten Pflicht willen, mit möglichst viel Tamtam auszugleichen versucht wird. Wie äußert sich also jenes Verhalten? Ganz einfach, indem es sich unterscheidet. Unterscheidungsmöglichkeit bietet die Wahl der Kleidung, die, als solche sie zu bezeichnen, in vielen Fällen an die modischen Grenzen der Erträglichkeit forciert wird. Müsste man mit einigen Stichworten jene Kleidungsmuster umfassen, es ginge schlichtweg nicht: Bunt, grell, schlabbernd, extremste Stilmischung, riesige Brillen und merkwürdige Mützen, Kleidung aus vergangenen Zeiten bis hin zu der konventionnellen Karohemdgemeinde aus dem Bauwesen. Grüße an jene Freunde der ratio! 

  Die Lumpenfreiheit bezeichnet nichts als die Freiheit, sich zu kleiden wie Herr oder Frau es mag, wichtig ist lediglich die Selbstzufriedenheit, die offenkundig an den Tag, vor allem in die Nacht gelegt wird. Die Spezies Studiosi kennt keine Scham, noch braucht sie sich oder glaubt sie sich an konventionnelle Normen halten zu müssen, es sei denn das jeweilige Examen oder Vorstellungsgespräch zum Nebenjob verlangte es so. Diese eigentlich von Äußerlichkeiten nicht abhängige Selbstzufriedenheit sollte eigentlich als beispielsvoll gelten, würde ihr nicht der Geruch von Unreife und Naivität entgegenstehen, diese Selbsteinschätzung jener, die dem Studentendasein entwichen sind und den „Ernst“ des Lebens kennengelernt haben oder das zumindest glauben, jene die ihren Kopf auf die alltägliche Pflichterfüllung zugeschnitten haben, nicht ohne weggeschnitten zu haben, und gleichzeitig sich in den gesellschaftlichen Mantel Zwangsjacke gehüllt zu haben, ruhigen Gewissens, dass jener sie vor dem Erfrieren aber auch dem Ausbrechen bewahren wird. 

Sicherheit – der größte Feind der Freiheit?    

Gießerei

Im bleichgewordenen Landschaftsbild von Schönstetten, einer ehemaligen Idylle mitten am Schwarzwald, stand seit jeher das alte Gusswerk, aus dessen Türmen gelbe Wolkenbilder sich malten. Die weißen Fassaden der Fachwerkhäuser hatten den sauren Regen in sich aufgenommen, selbst die Holzbalken fielen dem Moder zum Opfer. Schönstetten war wirklich nicht mehr das, was es mal war. 

Um viertel vor fünf erreichten wie jeden Tag die Züge den alten Bahnhof, der in das Gießereigelände hineingriff. Hunderte Arbeiter stiegen zum Schichtwechsel ein und aus, die einen von der Winterkälte in die stickigen Wagons, die andren aus den stickigen Wagons in die stickige Hölle, die wie jeden Tag vor ihnen lag. Das Stahlgebäude, ein Ineinandergreifen von Trägern, teils offene Hallen, teils in den Boden greifende Höhlen, aus dem Feuer leuchtete und Rauchschwaden herausspieen war für die Ewigkeit gebaut worden. In diesen Drachenschlund stiegen die Arbeiter hinab, keiner von ihnen jünger als 25, denn jene waren in die umliegenden modernen Städte geflüchtet. Die Männer in ihren silbernen Mänteln und weißen Helmen meldeten sich mit ihrer Arbeitskarte zum Dienst, verteilten sich und verschwanden in scheinbar nicht endenden Gängen und hinter Maschinen, die ohne Unterbrechung liefen. Leuchtende Stahlträger erhellten die dunklen Räume auf magische Weise.

Doch dann Schreie. Sie waren unter dem Lärm der Fabrik kaum zu hören und wurden doch durch die Gehörschutze wahrgenommen. Eines dieser unbekannten, nicht zum Alltag gehörenden Geräusche, die einen urplötzlich packen, die man gleich zuordnen kann ohne zu wissen was genau passiert ist. Die Arbeiter aus der Nähe liefen dem Schrei entgegen, eine Sirene ertönte, ein Fehler im Produktionsablauf wurde damit signalisiert. Schnell hatten die Arbeiter den Unfallort erreicht. Einer ihrer Kollegen lag reglos auf dem Förderband, über das die fertigen Träger hinunterrasten und war von solch einem am Kopf getroffen worden. Sein Schädel war auseinandergefetzt, genau wie der Brustkorb, der vom glühendheißen Metall noch rauchte. Ein ungewöhnlicher Duft stieg den regungslosen Arbeitern in die Nase. Das Band hatte zu spät angehalten. Ihr Kollege, den sie nicht beim Namen kannten, so wie keiner den andren beim Namen kannte und sie doch die gleiche Arbeit erledigten, Tag für Tag, Schicht für Schicht, war tot. Während von weither die Sirenen aufheulten, waren die meisten wieder vom Schichtführer zur Arbeit zurückgeschickt worden, derer fast alle kommentarlos nachgingen. Nur drei Mann blickten noch einige Momente auf ihren leblosen Kollegen, bevor sie kopfschüttelnd hinter dampfenden Maschinen wieder verschwanden.

Ein Kreis

Im goldnen Herbstwald
greifts sich walden.

Tief in die dunkle,
von Leben durchsetzte
Muttererde
greifen von weit die Früchte hinein.

An den hitzigen Grenzschwellen,
dem energetischen Kern,
feilscht sich Kraft
durch die Plattenrisse
empor.

Glutumwälzt;
so schließt sich fast
ein Kreis.

Wenig

Nichts und nichts
siegt sich aufs Blatt.

Nichts und nichts
steht mir zuwider.

Im Laubwirbel spielen
die Blätterkinder,
die viel zu jung
verwesen worden sein.

Der Dieb

Träume wurden mir gestohlen,
nachtens, hab’ es nicht bemerkt,
möcht’ sie mir nun wiederholen,
schlafe um den Wunsch gestärkt.

 

Liege da und schau die Sterne,
doch drinnen ist es rappenvoll,
Ruhgedanken sind mir ferne,
Sorgensammlung, was ein Groll!

 

Das trüb´ Gesicht der Fensterscheibe,
Mondlicht schimmert hier hinein,
seelig schlaf ich, diese Bleibe,
lässt die Träume nicht herein

 

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