Archiv für Juni 2007

Herbsttage in Tzienco

An jenem Herbsttag fielen mehr Bomben als Regentropfen auf den Vorort Tzienco. Die Diamantminen waren seit zwei Wochen still gelegt, da höchste Einsturzgefahr durch die vielen Einschläge drohte. Das trieb dem Bürgermeister den Angstschweiß auf die Stirn: Die Stadt lebte vom Export der wertvollen Steinchen und ihm, der in letzter Zeit viel investiert und gespendet hatte, drohten noch dunklere Wolken am Himmel als jene, die Tzienco in den letzten Wochen gesehen hatte.

 Die meisten Frauen und Kinder hatten sich in der halbunterirdischen Sakristei verschanzt, während über ihnen der Turm bereits eingestürzt war. Pater Lukasz, der immer bei den Menschen war, hatte sich in den letzten Tagen zu einer der wichtigsten Personen im Dorf gesteigert. Er war überrascht, als er am ersten Morgen nach den Angriffen die Kirche vollbesetzt vorfand; dabei hatte er nicht einmal vor, einen Gottesdienst zu halten, da er es für nützlicher empfand, bei den Aufräumarbeiten mitzuhelfen. Jeden Morgen versammelten sich die Familien im Gotteshaus, anstatt dass die Männer in den Zug stiegen, den Berg hinauf oder in die Stadt fuhren. Fast erfreute es ihn, dass Krieg war, auch wenn er diesen Gedanken immer sofort bannte, wenn er ihm in den Kopf kam.

In der ersten Woche der Bombardierungen versagte die Telefonverbindung, kurz gefolgt vom ausfallenden Fernsehen. Es war ruhig geworden in Tzienco. Die Bomben fielen, zerstörten Felder, Häuser und Autos und doch waren die Menschen ruhiger geworden. Die, die sich sonst nur begrüßten auf ihrem Weg von der Haustür zum Auto, redeten miteinander; jene, die viel Kontakt zueinander hatten, wurden besonnener, geduldig, freundlich. Augenblicklich schien es gleichgültig, dass der Nachbar jenen tollen Wagen fuhr, dass die Ratenzahlung des neuen Fernsehers ins Stocken geriet, dass der Ameisenhaufen im Vorgarten immer noch lebte. Es schien fast, als wenn der Krieg den Menschen ihre Erfüllung gegeben hätte, als wenn Mars persönlich erschienen wäre in einem hellen explosionsartigen Licht, dass wie ein Licht der Vernunft auf die Bewohner Tziencos gewirkt hätte.

 Als das Allerheiligenfest näher rückte, wurde von einem Polizisten namens Paulevicz, der aus der Stadt gekommen war, eine zweitägige Feuerpause verkündet. Lukasz und die Frauen freuten sich sehr und entschieden im Beiwohnen des etwas abwesend wirkenden Bürgermeisters, ein kleines bescheidenes Fest zu feiern, was in der neu entstandenen Gemeinschaft allgemein bejubelt wurde. Jeder, der nur konnte, brachte, was er hatte. Alle möglichen Nahrungsmittel fanden ihren Weg in den Hof vor der Kirche. Zwischen die laublosen Eichen wurden Lichterketten gespannt. Tische und Bänke wurden aus der Kirche herbeigetragen. Am Abend wurden Kerzen angezündet, und als sich alle eingefunden hatte, der Bürgermeister, Paulevicz, der Polizist, Frauen und Kinder, stand Pater Lukasz auf und alle wurden still:

„Meine lieben Freunde, wir möchten an diesem Tag Gott danken, dass wir am Leben sind und dass wir uns in dieser liebenden Gemeinschaft einbefunden haben, mit dir, o Herr, Amen!“

„Amen.“

„Ich möchte euch allen danken dafür, dass ihr eure Nächsten geliebt habt, dass ihr selbstlos wart, dass ihr aufopferungsvoll wart, indem ihr dieses Fest ermöglicht habt. Ich bin stolz auf diese Gemeinschaft – dass es sie noch gibt! – und bete, dass wir von diesem Moment immer ein Stück im Herzen tragen werden!“

Einige Frauen zeigten sich gerührt. Die Menschen applaudieren laut. „Liebe Freunde, lasst uns das Gebet anstimmen.“ Die Menge erhob sich von ihren Stühlen, selbst die Kleinen, faltete ihre Hände und alle sprachen das Gebet:

“Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme,

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.“

Der Bürgermeister, sichtlich nervös, hatte bereits nach den ersten Versen, zu denen er nur die Lippen bewegt hatte, aufgehört und schaute in den Kreis seiner Mitmenschen, die mit verschlossenen Augen im Licht der Kerzen beteten. Trotz der warmen Herbstbrise wurde ihm eisig kalt, der Schweiß brach im aus sowie die Verse in seinen Kopf eindrangen.

„Unser täglich Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Außer sich schrie der Bürgermeister in die Menge, griff blitzschnell nach dem Revolver des Polizisten, der zu spät reagierte, und ein lauter Knall fuhr in die dunkle Nacht hinein. Schreie gingen durch die Menge, in Aufruhr löste sich der Kreis schnell auf und ein kleinerer formte sich um den regungslosen Körper.

“Er ist tot“, verkündete Paulevicz und schaute dabei Lukasz an. Der Pfarrer trat näher an den Körper des Toten heran. In dem Augenblick rollte ein glitzernder Diamant aus der Westentasche des Verstorbenen heraus und fand in einer Mulde auf dem Hals Halt. Nach einem kurzen Moment der Stille sprach Lukasz dann das Gebet zu Ende. “Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Pirat

Im Küstenwasser
treiben die Kästen,
die von Matrosen
an Land gezogen,
die, wie sie sie öffnen,
in ihnen goldene Münzen finden
und ihre ungläubigen Augen
spiegeln sich golden
im Fieber der Wertschätzung
sehen sie sich selbst
im Spiegel der Wellen?
Ihr Untergang.

Der 6-Flaschen-Mann

Einst war es Jean Paul Friedrich Richter, der gelegentlich während dem Schreiben einen “bottle-count” machte, d.h. die Anzahl der geleerten Flaschen festhielt, die er als guter Trinker verzehrte. Heute würde diese Anekdote wie eine goldene Legende in den Ohren vieler klingen. Damit seien aber nicht die Kollegen Geisteswissenschaftler gemeint, sondern die Flaschensammler. Seit der Einführung des Pfands entdeckt man immer öfters, vor allem an touristischen Sammelorten, Menschen unterschiedlichster Gesinnung, wie sie geschärften Blickes der trinkenden Gemeinschaft auflauern und Mülltonnen abklappern, sich gar nicht scheuen, geduldig neben den Trinkenden zu warten, diese unter Druck setzend, auf dass sie die wertvollen Glasbehälter in ihre kurzweilie Trophäensammlung aufnehmen können. Dass es dabei zu zu einem starken Konkurrenzkampf gekommen ist, der sich besonders stark auf Festen und ähnlichen Freiluftzusammenkünften zeigt, verwundert kaum, schließlich können Obdachlose dadurch in einer Stunde mehr “einnehmen”, als wenn sie von der Wohlgesonnenheit eiliger – besonders da man kürzlich das steigende Fußgängertempo wissenschaftlich festgestellt hat -  Passanten in der Fußgängerzone abhängig wären. So gesehen ist die dadurch Straßen mitreinigende Aktion durchaus löblich.

Wenn ich eines kann:

Ich bin ein 6-Flaschen-Mann,

verdiene mir mein täglich Brot,

helfe mir selbst aus der Not.

Ein Viereck ist ein potenzielles Hakenkreuz

Am Dienstag, 21. April 2007 erreichte den Bürgermeister von Ippenbürgen folgender Brief:

Sehr geehrter Herr Kaufmann,

ich möchte die Gelegenheit nutzen, Ihnen für Ihren fulminanten Sieg bei den Wahlen vorigen Jahres zu gratulieren, den Sie zusammen mit Ihren Genossen der SPD errungen haben. Es war an der Zeit, dass der “alte” Christdemokrat Fritz abgedankt hat.

Ich will Ihre wertvolle Zeit auch nicht länger in Anspruch nehmen und komme gleich zu meinem Anliegen. Seit einer Weile herrscht Gewalt und Chaos in unseren Straßen. Das Eintreffen der werten G8 Damen und Herren hat unsere friedliche Nachbarschaft auf den Kopf gestellt. Ständig lungern bunt gekleidete jugendliche Kriminelle in den Straßen, mit Trillerpfeifen und Alkohol, ja einige von ihnen sollen sogar bewaffnet sein! Das beunruhigt unsere Frauen sehr und die Herren Polizisten helfen uns nicht richtig. Da muss es doch eine Möglichkeit geben, werter Herr Kaufmann. Was ist denn nur mit der Jugend los? Schon lange berichten meine Kameraden von Schmierfinken, die unser schönes Stadtzentrum verschandeln mit ihren Sprühdosen oder mit ihren Trittbrettern die Treppen vor der Gemeindekirche kaputtfahren. Es kann doch nicht sein, dass unsere Jugend so verantwortungslos handelt. Und all diese Probleme gehen Hand in Hand mit diesem furchtbaren Musikfest, das hier jährlich stattfindet, mitten im Feld! Nicht nur, dass dies Geschrei keineswegs als Musik bezeichnet werden kann, nein,  die kahl rasierten “Wilden” springen darüber hinaus volltrunken und unter jeglichem Drogenkonsum auf dem Feld herum! Wir fühlen uns verabscheut von solchen Praktiken und fordern Einschreiten von höchster Ebene aus. Aus unserem Unmut heraus haben meine Kameraden und ich ein Protestschild am Ortseingang befestigt, mit der Aufschrift: Ippenbürgen soll schön sein!

Am jüngsten Tag sprach mich einer dieser Rabauken unfreundlich und respektlos an, als wir das Schild gerade aufgestellt hatten, ein junger Mann in schwarzer Lederjacke, schwarzen Stiefeln und kahl rasiert, was wir denn da machten. Ich antwortete nur “Protest”, worauf der unverschämte Bengel nur meinte, “Ein Viereck ist ein potenzielles Hakenkreuz”. Was ist denn das für eine Aussage? Das macht doch keinen Sinn.

Herr Kaufmann, Sie haben unsere Forderungen erhalten. Wir hoffen auf baldige Verbesserung der Dinge, um unserer Gemeinschaft willen.

Hochachtungsvoll,

Dieter Brenn,

Vorsitzender des Gartenvereins Ippenbürgen

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