Scheiße!”, wird man möglicherweise wieder denken, denn es weihnachtet sehr. Sie wissen es, das alljährliche Gedudel geht wieder los. Es ist die Zeit, in der man das Radio wieder getrost leiser drehen kann, leiser als das restliche Jahr über ohnehin. Nicht, um sich leichter in eine Phase der Selbstbesinnung und Nächstenliebe versetzen zu können, die heute ja heute ohnehin nur noch durch Partydrogen hervorgerufen wird, nein, weil man es doch wirklich einmal mit der Weihnachterei satt haben muss. Denn der logische Schluss aus dem Satz „Das Jahr war schnell um”, der jedes Jahr wieder zum Austrampeln mitsamt der Weihnachtsdekoration aus den Kellern ausgegraben wird, wäre doch jener zu fragen: „Moment mal, wieso eigentlich?” Wieso geht das Jahr so schnell rum? Ja ganz einfach, weil wir uns auf diese Grenzen, und nicht mal gegen unseren Willen, einlassen. Wäre es nicht viel ehrlicher, die Weihnachtstage bis Neujahr zu ignorieren? Das wäre in vielerlei Hinsicht praktisch. Man bräuchte sich zum Beispiel nichts mehr vorzunehmen. Also positiv ausgedrückt: Man hätte sehr viel mehr Zeit, endlich mit dem Rauchen aufzuhören oder Sport zu treiben. Man könnte sagen: „Bei mir gibt’s kein Weihnachten, bis ich aufgehört habe zu rauchen!” Stell sich das mal einer vor! Aber so ehrlich halten wir es dann doch nicht. Das Jahr war schnell um, ja, aber wir wollen es ja so, Jahr für Jahr wollen wir das Jahr schnell umgesehen, umgesprochen und umgangen haben. Das Jahr ist um wie die Milch, die wochenlang schon im Kühlschrank steht. Und dann feiern wir. Wir feiern ein abgelaufenes Jahr. Das ist so, als wenn ich meine mutierende Milch beim Wegschmeißen mit Champus befeiern würde. Adé, mein Calciumfreund!
Wir geben viele hundert Euro für das neue Jahr aus. Wir kaufen uns ein neues Jahr und schmeißen es dann feiernd wieder weg. Hinter der offensichtlichen Heuchelei von Jahreszeit der Besinnung und dem künstlichen Appell an die Menschlichkeit, unter deren Banner alljährlich die Spendensparschweine auf die Menschheit losgelassen werden, die uns, die Verblendeten, dann zu Tränen rühren und uns sagen lassen „Och guck mal, die süße Sau!”, während sie uns mit dem Geld aus der Hand den ganzen Arm mitabnehmen, stehen doch immer die gleichen, die Wirtschaft. Nichts gegen die gute Sache. Aber der potenziellen Vernebelung des Geistes durch Glühwein und Spekulatius zuliebe sollte man lieber an einem klaren Frühlingstag spenden, als unter Einwirkung psychadelischer Weihnachtsgewürzattacken. Zurück zu den Geschäftsleuten. Nicht nur, dass es sich der Import-Nikolaus-Klon scheinbar auch zu Weihnachten gemütlich gemacht hat, darüber hinaus sind sie es doch, die Weihnachten propagieren. Die Weihnachtspropaganda kommt im roten Samtmantel. Da schließt sich der Kreis zum Radiogedudel. Erst umrandet der Lichterkettenstracheldraht die Fenster, dann erweicht schon das erste Drittel und läuft dem roten Mythos blind hinterher. Von den Menschen kann doch nichts weihnachtliches, nichts Moralisches mehr verlangt werden. Gerade diejenigen, die vom Geschäft mit den Geschenken leben, halten uns eng, damit wir bloß nicht andersweitig denken. Was nicht alles verweihnachtlicht wird! Ob Schinken, Speck und Eier, Autos, Uhren oder Cognac. Alles hat den bewährten Weihnachtsschimmer. Alles will uns seine Liebe geben, Liebe durch den Magen, Liebe durch Technik, Liebe durch die Leber. Und alles ist vergänglich wie das Jahr, nur der Alkohol nicht. Der wird aber schon noch getrunken, keine Sorge. Er ist das sekundäre Opfer, ein Kollateralschaden, dem sich spätestens bei den Feierlichkeiten zum neuen Jahr keiner mehr entziehen wird. Es fragt sich fast, wer wem am meisten Schaden zufügt.
Die Weihnachtssaison. Wir werden zu Touristen im eigenen Land, vor unserer Haustür. Magnetisch zieht uns der Duft des rosaroten Glühweins an, zu den dampfenden Blockhüttchen, Tannenzweigen und Lichtchen. Der Weihnachtsmarkt ist das Land der tausend Illusionen. All die roten Nasen in den blassen Gesichtern müssten doch Hinweis genug auf das falsche Clownsspiel sein! Aber alle stehen lachend da; Die Menge drängt sich und klappert die Ramsch- und Futterstände ab. Die Weihnachtsherde pfercht sich freiwillig ein. Es fehlen nur noch die Zäune. Und um das feierliche Treiben stehen die Kaufhäuser und sehen dem mit weit aufgerissenen Augen zu. Oh du fröhliche …