Archiv für Januar 2008

Overgrown – ein Hauptseminar auf der Flucht…

…nicht vor Indianern, auch nicht vor Cowboys. Diese Gruppen bildeten die thematische Mitte der heutigen Sitzung, in der uns unser Dozent versicherte, wir würden die Referate nicht sang- und klanglos durchjagen wie eine Herde Büffel nach Chicago, dem “Umschlagplatz der Natur”, der jene Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts wurde, nämlich ein riesiger Schlachthof. Das  Geschäft mit den Fellen boomte und auch die Entwicklung der Konservendose und Kühlschränke ermöglichte der Ostküste den vergleichsweise langhaltbaren Genuss von Rindfleisch. Lecker! Auch hatten Telegraphen und Eisenbahn den Transport von Nachrichten erleichtert und schneller gemacht, doch schnell war vor allem die Verfälschung der Wahrheit, die Mythisierung des Lebens im Wilden Westen. So schnell die Cowboys Ende des 19. Jahrhunderts obsolet geworden waren, dies vor allem durch den Streit mit den Farmern, durch deren Land die Viehherden von Texas nach Norden zogen, so schnell entstand der Mythos um den Cowboy und sein Vieh, die durch Wind und Wetter ziehen, einsam und im Einklang mit der Natur, nach denen sich die New Yorker an der Ostküste nach einem Tag an der Wall Street sehnten. Zu diesem Zeitpunkt produzierten die meisten Cowboys allerdings nur mehr Sitzfleisch und traten auf der Dorfkirmes beim Rodeo auf. Die Mythiserung machte im folgenden vor nichts halt: Der Westen, die Indianer und nicht zu vergessen die im Bürgerkrieg geschlagenen Südstaatler erfuhren um das fin de siècle eine Resurrektion in Film und Buch. Die Legende um den weißen Mann, dessen Vorhersehung es ist, Licht in die dunklen Great Plains zu bringen, das Licht der Zivilisation, der Aufklärung, nun verklärt zu einem vollends romantischen Motiv, dem Unheimlichen und naturverbundenen der Eingeborenenvölker, die zu dem Zeitpunkt allerdings dezimiert und in Reservate gesteckt worden waren und die heile Welt der Plantagenbesitzer, die sich durch ihre ritterlichen Tugenden auszeichnen, ihre Frauen nach dem Vorbild der Minnesänger respektieren und huldigen und gleichzeitig mit der weißen Kapuze aufm Kopf Lynchmorde an schwarze Familien begehen.

Nun war mit diesen Feststellungen allerdings nicht viel in der Sitzung anzufangen. Natürlich sind diese Mythen Wandlungen unterworfen, so wurde die Frontier, Bezeichnung für die Grenze der Zivilisation, nachdem der Kontinent erforscht und besiedelt war, ins Weltall verlegt, wo nach Vorbild der Star Trek-Serie, die Eroberung jener weiten Galaxien die nächste Grenze darstellt. Daraus ließe sich nun perfiderweise die aktuelle Weltlage erklären, denn unsere Welt ist zu großen Teilen von der amerikanischen Ideologie maßgeblich beeinflusst. Nicht nur durch den Kapitalismus, wie wir meinen. Seit dem Zweiten Weltkrieg, so behaupte ich, um genauer zu sein seit dem Marshall-Plan, in der wir uns finanziell in den Bann der mächtigen USA haben ziehen lassen (müssen?), sind wir, besonders in Deutschland von amerikanischen Systemen unterlaufen worden – oder überschwemmt. Denn zu dem Hauptaspekt, der über den Atlantik importiert wurde, ist das Geschäft mit der Angst. Regelmäßig versetzen Schockmeldungen die Bevölkerung in fast apokalyptische Angstzustände, wie sie ein Patient, der einmal etwas sehr schlimmes erlebt hat, immer wieder bekommen kann. Die nukleare Bedrohung, Eiszeit, BSE, Feinstaub, Ölkatastrophe, Gammelfleisch, Vogelgrippe, Klimakatastrophe – das sind alles relativ aktuelle Beispiele für die Panikmache auf dem europäischen Kontinent und das mit weitreichenden Folgen. Nichts anderes wird auf einem viel größerem Maßstab in den USA praktiziert, man denke nur an die Angst vor dem Jahr 2000 an der Wall Street oder die täglichen Live-Serien, die der Polizei beim (beliebterweise schwarzen) Bösewicht-Schnappen, über die Schulter schauen und sogar selbst die Initiative ergreifen, Kriminelle vor laufender Kamera bloßzustellen.

Die Begeisterung für Westernklassiker ist in Europa nicht zu unterschätzen und nicht zu unterschätzen gewesen. Viele träumen den amerikanischen Traum, er ist tief in unseren Firmenhierarchien verwurzelt, die mit klangvollen Bezeichnungen für eigentlich stinklangweilige Bürojobs daherkommen. “Desk Manager”, “Desk Super Manager”, “Information Desk” anstatt von Beamter, Chef und Sekretär. Eine Welt von Managern, jeder hat was zu sagen, jawohl! Nun, es funktionniert…

Schifffahrt

“Ein Kapitän hat Verantwortung, ein Kapitän hat Durst”, brummte Schwarzbacke, wie er aufgrund seiner wirklich hässlichen schwärzlichen linken Wange genannt wurde, und schenkte sich noch einen Grog ein, “alles, mein Junge, hat seine zwei Seiten, wie ein Schiff, und sie stehen nicht nur unweigerlich in Verbindung, sie richten sich nach dem anderen aus. Wenn vom Bug aus London zu sehen ist, im dichten Nebel verschleiert, und das Schiff dann wendet um stadtauswärts zu segeln, zeigt die gleiche Front den weiten Kanal entlang ins hellste Licht. Weiß und schwarz, gut und böse, das ist die eine Nadel im Kompass, zielgerichtet und ziellos, bestimmt oder von anderen Kräften verwirrt.”

Aus seiner Tasche hatte er einen aufklappbaren Kompass gezogen, den er auf die Mitte des Tisches legte und dort öffnete. “Wusstest du, wo Norden ist, bevor du es am Kompass abgelesen hast?”, dabei grinste er wisserisch, wurde aber gleich wieder ernst, “wir richten uns ein Leben lang, müssen darüber entscheiden, ob wir die Segel vor dem Sturm einziehen, den wir aus dem Wolkengebilde und dem Wind herausinterpretieren müssen, und wann sie wir setzen können; wir müssen die Riffe, die wie die Zähne eines riesigen Krokodils mit aufgerissenem Maul vor der Küste herausgreifen, umfahren, bevor das in den Wolken unsichtbare Maul zuschnappt.” Dabei klatschte er in die Hände, worauf ich nicht gefasst gewesen war und erschrak. Laut lachte er auf und schenkte sich noch einen Becher ein: “Wer nicht deuten kann, hat auf einem Schiff nichts verloren. Es ist nicht so, wie wenn man auf einer Insel ausgesetzt wird. Da kann man sich einen Unterschlupf bauen, ein sicheres Versteck, eine Höhle. Auf See trägt man sein Leben mit sich. Man trägt es jeden Moment, jede Entscheidung, ganz entschieden in sich mit. Ja, die Black Sara ist ein gutes Schiff. Auf See lernen wir vom unserem Schiff am meisten. Eine starke Hülle für stürmische Nächte, ein glänzendes Deck für den sonnigen Tag, eine Bühne des Himmels und die Wellen klatschen Applaus – oder ziehen still vorbei. Und wehe, der wütende Admiral wagt einen Angriff, dann muss jeder Schuss aus der Flanke sitzen. Jede Kugel muss berechnet werden, aufs Genaueste. Nur wer sein Schiff kennt wie sich selbst, wird ankommen.”

Schwarzbacke leerte seine Tasse und stand auf. “Aye, mein Junge, die Pflicht ruft!” waren seine Abschiedsworte und unter seinen schweren Schritten verließ er die Taverne, es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater gesehen habe. Ich war damals 7 Jahre alt.

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