Overgrown – ein Hauptseminar auf der Flucht…
…nicht vor Indianern, auch nicht vor Cowboys. Diese Gruppen bildeten die thematische Mitte der heutigen Sitzung, in der uns unser Dozent versicherte, wir würden die Referate nicht sang- und klanglos durchjagen wie eine Herde Büffel nach Chicago, dem “Umschlagplatz der Natur”, der jene Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts wurde, nämlich ein riesiger Schlachthof. Das Geschäft mit den Fellen boomte und auch die Entwicklung der Konservendose und Kühlschränke ermöglichte der Ostküste den vergleichsweise langhaltbaren Genuss von Rindfleisch. Lecker! Auch hatten Telegraphen und Eisenbahn den Transport von Nachrichten erleichtert und schneller gemacht, doch schnell war vor allem die Verfälschung der Wahrheit, die Mythisierung des Lebens im Wilden Westen. So schnell die Cowboys Ende des 19. Jahrhunderts obsolet geworden waren, dies vor allem durch den Streit mit den Farmern, durch deren Land die Viehherden von Texas nach Norden zogen, so schnell entstand der Mythos um den Cowboy und sein Vieh, die durch Wind und Wetter ziehen, einsam und im Einklang mit der Natur, nach denen sich die New Yorker an der Ostküste nach einem Tag an der Wall Street sehnten. Zu diesem Zeitpunkt produzierten die meisten Cowboys allerdings nur mehr Sitzfleisch und traten auf der Dorfkirmes beim Rodeo auf. Die Mythiserung machte im folgenden vor nichts halt: Der Westen, die Indianer und nicht zu vergessen die im Bürgerkrieg geschlagenen Südstaatler erfuhren um das fin de siècle eine Resurrektion in Film und Buch. Die Legende um den weißen Mann, dessen Vorhersehung es ist, Licht in die dunklen Great Plains zu bringen, das Licht der Zivilisation, der Aufklärung, nun verklärt zu einem vollends romantischen Motiv, dem Unheimlichen und naturverbundenen der Eingeborenenvölker, die zu dem Zeitpunkt allerdings dezimiert und in Reservate gesteckt worden waren und die heile Welt der Plantagenbesitzer, die sich durch ihre ritterlichen Tugenden auszeichnen, ihre Frauen nach dem Vorbild der Minnesänger respektieren und huldigen und gleichzeitig mit der weißen Kapuze aufm Kopf Lynchmorde an schwarze Familien begehen.
Nun war mit diesen Feststellungen allerdings nicht viel in der Sitzung anzufangen. Natürlich sind diese Mythen Wandlungen unterworfen, so wurde die Frontier, Bezeichnung für die Grenze der Zivilisation, nachdem der Kontinent erforscht und besiedelt war, ins Weltall verlegt, wo nach Vorbild der Star Trek-Serie, die Eroberung jener weiten Galaxien die nächste Grenze darstellt. Daraus ließe sich nun perfiderweise die aktuelle Weltlage erklären, denn unsere Welt ist zu großen Teilen von der amerikanischen Ideologie maßgeblich beeinflusst. Nicht nur durch den Kapitalismus, wie wir meinen. Seit dem Zweiten Weltkrieg, so behaupte ich, um genauer zu sein seit dem Marshall-Plan, in der wir uns finanziell in den Bann der mächtigen USA haben ziehen lassen (müssen?), sind wir, besonders in Deutschland von amerikanischen Systemen unterlaufen worden – oder überschwemmt. Denn zu dem Hauptaspekt, der über den Atlantik importiert wurde, ist das Geschäft mit der Angst. Regelmäßig versetzen Schockmeldungen die Bevölkerung in fast apokalyptische Angstzustände, wie sie ein Patient, der einmal etwas sehr schlimmes erlebt hat, immer wieder bekommen kann. Die nukleare Bedrohung, Eiszeit, BSE, Feinstaub, Ölkatastrophe, Gammelfleisch, Vogelgrippe, Klimakatastrophe – das sind alles relativ aktuelle Beispiele für die Panikmache auf dem europäischen Kontinent und das mit weitreichenden Folgen. Nichts anderes wird auf einem viel größerem Maßstab in den USA praktiziert, man denke nur an die Angst vor dem Jahr 2000 an der Wall Street oder die täglichen Live-Serien, die der Polizei beim (beliebterweise schwarzen) Bösewicht-Schnappen, über die Schulter schauen und sogar selbst die Initiative ergreifen, Kriminelle vor laufender Kamera bloßzustellen.
Die Begeisterung für Westernklassiker ist in Europa nicht zu unterschätzen und nicht zu unterschätzen gewesen. Viele träumen den amerikanischen Traum, er ist tief in unseren Firmenhierarchien verwurzelt, die mit klangvollen Bezeichnungen für eigentlich stinklangweilige Bürojobs daherkommen. “Desk Manager”, “Desk Super Manager”, “Information Desk” anstatt von Beamter, Chef und Sekretär. Eine Welt von Managern, jeder hat was zu sagen, jawohl! Nun, es funktionniert…