Die Uhr schlug drei, ich erinnere mich genau. Das grelle Display erhellte das ganze, abgedunkelte Zimmer und ich hörte jetzt die Stephanskirche, die ich sonst nie wahrnehme und in meiner Alltagstaubheit untergeht. Ich stützte mich mit einem Arm wie angewidert von der Matratze ab, wie eine vor Schreck erstarrte Gottesanbeterin, und aus dem einen extremen Augenwinkel suchte ich nach der Herkunft der Bob Marley-Melodie, die “When ya see Jah light” vor sich hinsang.
Ich realisierte, während ich mich langsam am Bettrand aufrichtete, dass es eine SMS war, die mich aus dem Schlaf gerissen hatte, also die Transsibirische Eisenbahn kurz vor einer Brücke, aus unerklärlichen Gründen, in den Abgrund lenkte. In diesem Augenblick des Entsetzens sah ich mich im Abteil um und während die Lokomotive durch den Schnee pflügte, den trüben Eisspiegel vor Augen, fand ich noch Zeit zu verstehen, dass ich mich im Abteil der Einheimischen befand, also der Einheimischen, die gar keine sind, die gerade so wie ich auf einer Reise sind, die allerhöchstens für mich eine ist, für sie aber, die sich zwischen etlichen leeren Vodkaflaschen auf einfachen Etagenbetten gestapelt haben, eine Regelmäßigkeit darstellen, die sie ein jedes Mal mit totem Gegrinse zu überstehen gedenken. Ich weiß, dass ich in dem Augenblick, indem sich die hinteren Wagen wie ein Akkordeon aneinanderpressen und in das selbst für einen Zug dieses Ausmaßes völlig überdimensionierte Grab hineinkrachen, dass ich mit diesen Russen unterwegs bin, die völlig ruhig – es ist schwer zu sagen, ob sie schlafen - da liegen, wie lebendig aufgebahrt unter ihren Felddecken mit den völlig vom Vodka entfärbten Gesichtern und all das ohne ein Sterbenswort über sich ergehen lassen.
Und als ich mich umdrehe, sehe ich zur einen Seite das weiße Ende, auf der anderen jedoch, durch das Verschieben der Wagen, in das Gesicht eines Mannes, das mit völlig entsetztem Gesicht am Fenster eines der Touristenwagen steht und mich mit deutlich enttäuschten Augen anstarrt.
Ich stehe auf und der Boden schwankt, fast falle ich zurück, kann mich aber im letzten Moment fangen, was in mir ein heiteres Gefühl von Ironie auslöst. Das Licht, es ist warm, schlägt wie ein unerschöpflicher Wasserfall gegen die dicken Vorhänge, ein “Unnachlassen der Kraft”, Hitze, die wie Lava in mein Zimmer fließt.
Kaum, dass ich mich aus dem Taumeln gefangen habe, steuere ich die blaue Lichtquelle an; die Bob-Marley-Stimme bricht abrupt ab. Ich klappe das Handy mit einer unliebsamen Geste auf. Es ist eine unmögliche SMS aus Shanghai, die mir sagt: Steh auf.